In mir leben zwei Persönlichkeiten, und die streiten sich um die Tastatur.
Die eine will volle Kontrolle, alles verstehen, jedes Detail bis runter zum Code. Und alles selbst erstellen, keine Abhängigkeiten, damit es keinen doppelten Boden, keine ungewollten Überraschungen geben kann. Immer bestrebt, die perfekte Lösung zu erstellen – die es natürlich nicht geben kann.
Die andere ist ungeduldig, auch ein bisschen bequem und will Ergebnisse sofort. Daher nimmt sie gerne, was andere erstellt haben, um heute zum Ergebnis zu kommen und nicht erst nächsten Monat. Und sie ist sich selbst gegenüber ehrlich genug zuzugeben, dass sie das vielleicht nicht einmal selbst könnte oder die Zeit dafür fände.
Also lebe ich in der unmöglichen Balance zwischen diesen beiden gegensätzlichen Persönlichkeiten. Und fast jede Entscheidung fällt im Zwielicht zwischen den beiden. Erstelle ich es selbst, gehört es mir, jedes Detail, jede Entscheidung, komplette Kontrolle. Aber langsamer, eng fokussiert und das auch noch abhängig davon, dass ich die Zeit dafür finde. Wie selber kochen (und ich koche gerne). Nehme ich was Vorgefertigtes, bin ich schneller und bekomme wahrscheinlich mehr oder flexiblere Funktionen. Aber ich muss dann auch akzeptieren, was kommt: eine heftige Preiserhöhung, eine Funktion, die mir unter den Füßen weggezogen wird, ein Produkt, das auf einmal eingestellt wird. Wie Essen gehen: Der Chefkoch bestimmt das Rezept. Und dieses Dilemma kann sich nie auflösen.
Und ich glaube, das geht nicht nur mir so. Größer gedacht sind es dieselben zwei Kräfte, nur diesmal im Anzug.
Die eine will besitzen und kontrollieren, die andere will es schnell, günstig und mit allem drum und dran. Jede Entscheidung über Souveränität ist im Grunde genau dieses Tauziehen um den idealen Kompromiss – das ich auch in mir trage, an einer Tastatur.
Die Übersetzung vom Englischen ins Deutsche ist ein gutes Beispiel. Im Englischen kann ich luftiger, freier schreiben, da viele Konzepte offener, freier, knapper, kürzer formuliert werden können. Control. Ownership. Im Deutschen präziser, detaillierter und dadurch länger, weil aus dem einen englischen Konzept im Deutschen drei oder vier werden können. Steuerung. Kontrolle. Hoheit. Oder Besitz, Eigentum, Inhaberschaft.
Was mich wirklich antreibt
Nicht Angst – eher Ärger. Mich darüber ärgern, dass das gerade Gebaute, das genau das tut, was ich will – schwierig genug –, jemand plötzlich kaputtmacht. Aus Gründen, die mit mir nichts zu tun haben. Gewollt oder ungewollt. Etwas, auf das ich gebaut hatte und das nicht mehr da ist. Und jedes Mal muss eine funktionierende Lösung wieder abgerissen und neu gebaut werden. Das passiert ein paarmal – und dann fragt man sich bei allem: Wie kann ich das verhindern, und was ist der Preis dafür? Isolation ist ja auch nicht die Lösung. Und alles selbst bauen, selbst den Hypervisor für meine Container? Echt nicht.
Eine Plattform, der ich vertraue – mit einem kleinen Vorbehalt
Und genau deshalb ist LinkedIn für mich so ein seltsamer Fall. Denn ich vertraue der Plattform. Vielleicht aus Gewohnheit, ich nutze sie seit 2006. Und das trotz der jüngsten Entwicklungen, wie dem ganzen „AI slop". Aber sie bietet mir etwas, was ich mir selbst oder anders nur schwer aufbauen könnte: ein Publikum, Diskussionen, Reichweite. Im Geschäftsleben. Sichtbarkeit, in beide Richtungen. Und die Zahlen, die mir sagen, was ankommt.
Da ist sie also: die eine Abhängigkeit, die ich akzeptiere, sogar suche. Obwohl alles in mir sagt: Sichere sie ab. Und doch verlasse ich mich auf sie, meinen einzigen Distributionskanal. Und ehrlich, ich finde das selbst zum Schmunzeln. Wo ich mich dann doch absichere, und wie – das ist eine eigene kleine Geschichte.
Nach außen einfach, darunter durchdacht
Wenn es ein Prinzip gibt, nach dem ich arbeite, dann dieses: nach außen einfach, darunter gerne komplex. Die harte Arbeit steckt im Unterbau – damit nach außen alles einfach bleiben kann.
Das ist nicht nur Geschmack. Es ist genau das, was man bei der Souveränität oft falsch macht. Absolute Kontrolle, die mühsam zu bedienen ist oder einschränkt, wird dadurch nicht genutzt. Oder stillschweigend umgangen, bis sie genauso gut gar nicht da sein könnte. Eine brauchbare Lösung mit akzeptablen Kompromissen schlägt die perfekte, aber nur mühsam nutzbare jedes Mal.
Souveränität, die niemand betreibt, ist keine Souveränität. Sie ist ein Architekturdiagramm.
Daher diese Webseite. Schlicht und einfach zu navigieren und zu lesen. Architektur darunter in eigener Hand. Mein Anliegen ist es, Organisationen mit Denkanstößen zu helfen, das zu halten, dessen Verlust sie sich nicht leisten können – und den Rest loszulassen. Wenn Sie wissen wollten, wie ich denke – Sie haben es gerade gesehen. Die Seite, auf der Sie sind, ist das Argument.
Die Texte beginnen auf der Startseite. Und wer lieber dort mitlesen möchte, wo Diskussionen stattfinden – der findet mich auf LinkedIn.
Matthias Guenther. Wohnt und arbeitet in den Niederlanden. Deutsch. Englisch. Niederländisch.
Über zwei Jahrzehnte in digitaler Infrastruktur und Software. Buchautor, Dozent und Speaker.
Angestellt bei Equinix; die Ansichten hier sind meine eigenen und unabhängig von meinem Arbeitgeber. Persönliche Seite.
KI eingebunden beim Entwerfen und Polieren der Artikel. Das Denken, die Argumente, die Fehler – alles meins. Erreichbar unter m@tthias.nl oder auf LinkedIn.
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